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Von Piet Oudolf gestaltete und angelegte Garten auf dem Vitra Campus

Der Oudolf Garten auf dem Vitra Campus

Auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein wachsen für einmal keine Gebäude, sondern Pflanzen in die Höhe. Zwischen dem VitraHaus und dem Produktionsgebäude erblüht der 2020 von Piet Oudolf angelegte, 4000 Quadratmeter grosse Garten in seiner ganzen Vielfalt. Zur vollen Blüte kommt die kunstvoll komponierte Wildnis im Sommer bis Spätsommer. Der Niederländer Piet Oudolf gilt als Vordenker einer Generation von Gartengestaltern, die in den späten achtziger Jahren begannen, die gängige Praxis in Frage zu stellen, weil ihr die traditionelle Landschaftsgärtnerei zu dekorativ, arbeitsaufwendig und ressourcenintensiv war. Sie setzen auf mehrjährige, oft selbstregenerierende Pflanzen, Stauden, Gräser, Büsche und Wiesenblumen, die als Gartenpflanzen lange ignoriert wurden, und eine ebenso unkonventionelle Anordnung der Gewächse.

 

Eine emotionale und eine ästhetische Erfahrung

Bei dem Garten handelt es sich um einen „Perennial Garden“. Das heisst, dass der Garten mehrjährig ausgelegt ist und die Pflanzen müssen nicht jedes Jahr ersetzt werden. Und trotzdem verändert er sich mit den Jahreszeiten, sodass ein Besuch nicht ausreicht, um ihn zu greifen. Oudolf sieht den Garten aber nicht als Gegensatz zur Architektur. Er möchte mit den Pflanzen den Fokus auf den Boden lenken und neue Blickwinkel, zum Beispiel auf die Architektur eröffnen.

 

Piet Oudolf kombiniert in seinen Gartendesigns Pflanzen mit unterschiedlichen Lebenszyklen und den Persönlichkeiten der Pflanzen

Oudolf selbst sieht sich selbst nicht als Begründer einer Bewegung. „Ich überlasse es anderen, was sie in mir sehen wollen, für einige Leute bin ich wohl einfach ein Gärtner“, betont er gelassen. Ein Gärtner allerdings, den man in den letzten Jahren mit der Gestaltung von öffentlichen Gärten auf der ganzen Welt betraut hat, darunter Aufträge für die Galerie Hauser & Wirth Somerset, die Serpentine Galleries oder die Biennale in Venedig und der mit der New Yorker „High Line“ einen neuen Diskurs über das Gärtnern in der Stadt angestossen hat.

Oudolfs Projekten gemein ist die Idee einer Landschaft, die wild und ungezähmt aussieht, ohne eine umsichtige Gestaltung in dieser Form jedoch nicht existieren könnte. Er spielt dabei mit einer Vorstellung von Wildnis, die er in der Gesellschaft ausmacht. „Ich versuche eigentlich nur, die Fantasien der Leute in die Realität umzusetzen“, sagt er. Seine Gärten seien jedoch ganz und gar nicht wild. Vielmehr achtet er auf eine ausgewogene Zusammensetzung oder „Community“, wie er es nennt, von Pflanzen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen, Blütezeiten und Lebenszyklen, so dass seine Gärten das ganze Jahr über ein sinnliches Erlebnis bieten und den Zerfall ebenso akzentuieren wie die Hochsaison.

Rund 30’000 Pflanzen, darunter Gewächse mit so geheimnisvollen Namen wie Persicaria amplexicaule Alba, Echinacea pallida Hula Dancer’oder Molinia Moorhexe, sind zum Einsatz gekommen. Sie bilden das Gerüst des Gartens, bei dem weitgehend auf gebaute Strukturen verzichtet wird und der dennoch nicht der Dekoration der umliegenden Architektur dient, sondern diese ergänzt und ihr eine neue Perspektive vermittelt.

 

„Ich möchte, dass sich die Leute im Garten verlieren, statt einfach nur hindurchzulaufen“.

„Pflanzen sind für mich Persönlichkeiten, die ich entsprechend ihrem Auftreten und Verhalten einsetzen und zusammenstellen kann, jede „performt“ auf ihre Weise, doch am Ende muss daraus ein spannendes Stück entstehen.

Piet Oudolf

 

Genau geplant

Seine aufgezeichnete Bepflanzungspläne verraten, mit welcher Akribie er seine Gärten komponiert. Die ganzen Standorte der Pflanzen sind darauf verzeichnet. Insgesamt 30 000 Stück hat er in Weil am Rhein eingesetzt.

 

 

Der Konzeptkünstler

Oudolf ist kein Soziologe und kein Philosoph. Ein Künstler ist er, sagen manche. Denn seit einiger Zeit wird er in der Kunstwelt munter herumgereicht, vor allem für amerikanische Museen hat er überbordende Gärten gestaltet, die Galerie Hauser & Wirth in England hat bei Oudolf eine Performance aus Stauden und Gräsern bestellt. Und jetzt ist auch in Weil am Rhein, gleich neben dem Design Museum des Möbelherstellers Vitra, etwas herangewachsen, das zu einer ästhetischen Erfahrung ganz eigener Art einlädt. Aus Natur wird Kunst, aus Kunst wird Natur.

Wenn Oudolf überhaupt ein Künstler ist, dann einer, der ganz aus der Idee lebt, ein Konzeptkünstler. Er sitzt an seinem Schreibtisch, der übersät ist mit bunten Stiften, vor sich transparentes Papier. Hier ein paar Kringel in Violett, dort kleine Pünktchen in Blau, es füllen sich die Blätter mit rätselhaften Mustern, heiter und gänzlich abstrakt. Für den Laien jedenfalls, für Oudolf sind es sprechende Zeichen. Hinter jeder Linie verbirgt sich für ihn ein drei, nein, vierdimensionales, von Farben und Formen, von Stimmungen, Düften, ja sogar von Raschelgeräuschen bestimmtes Bild. Wobei Bild der falsche Begriff ist, denn was Oudolf entwirft, ist eine vielschichtige, sich beständig wandelnde Erfahrung. Wer einen Garten plant, plant in der Zeit.

Piet Oudolf verwendet farbige Stifte für seine Entwürfe und Planungszeichnungen. Jeder Farbe ordnet er einer Pflanze zu.

 

Vor dem Einschlafen taucht er oft ein in diese Empfindungswelt, dann sieht er seine Zeichnungen vor sich und geht sie durch vor dem inneren Auge. Wie wird es sein, wenn sich die cremerosafarbenen Alliumkugeln hineinschieben in das schwirrende Tautropfengras? Sind die Texturen kontrastreich genug, wie verhält sich die Farbe zum sanft dahinwogenden Salbei zwei, drei Schritte entfernt, und wie wird sich ihr Miteinander verändern, sobald es August wird oder Oktober? Was passiert, wenn sich im Hintergrund der Wasserdost emporschiebt?

Viele schwärmen von der Natürlichkeit seiner Pflanzungen, darüber, dass hier die Ordnung sich selbst zu entspringen scheint, absichtslos und herrlich ungezähmt. Anders als in der zierenden Blumenrabatte, wie sie die Engländer modellhaft entwarfen, meidet Oudolf alles Forcierte, und jeder Anspruch auf Perfektion ist ihm fremd. Aber Natürlichkeit? Wildnis? Alles ist Kontrolle, sagt Oudolf, ist Berechnung. Was nach Freiheit aussieht, nach einem sanften Miteinander, verdankt sich gestrenger Programmierung.

Es ist diese Illusion, die Oudolfs Gärten durchzieht und sie in die Nähe der Kunst rückt. Täuschung kommt ins Spiel, und zugleich ist das Scheinhafte ganz real, mit Händen zu greifen, von Bienen begierig umsummt. Ein seltsamer Doppelcharakter, der einen Sog erzeugt, für einen Moment möchte man glauben, hier zeige sich das Gegenbild zu jener Welt, in der Arten sterben, Pole schmelzen und die Verwüstung halber Kontinente droht. Bei Oudolf wird aus Umwelt eine Mitwelt. Vom Ausgleich erzählen seine Gärten, von einer neu gewonnenen Balance.

 

Zwei Welten die aufeinander treffen

Der Oudolf Garten verschliesst sich nicht vor der industriellen Gegenwart, obwohl man sich hier, auf den brezelförmig verschlungenen Wegen, leicht verliert, staunend über den hohen Wiesenknopf, in dessen rosa Staubgefässen sich selbst bei bedecktem Himmel das Licht fängt, erheitert über die Schafgarbe, die mit ihrem zitronensauren Gelb das Auge reizt, bewegt von den Herbstkopfgräsern, wie sie zwischen den blauen Storchschnabel-Inseln eilig dahinzufliessen scheinen. Immer wieder verschiebt sich bei Oudolf die Szenerie, wird rhythmisiert von wiederkehrenden Gruppen, wird dynamisiert durch das Spiel der metallisch blitzenden Disteln, wird beruhigt von einem uralten Kirschbaum, der das wogende Ineinander der über 30.000 Pflanzen überragt. Ganz gleich aber, wie sehr man sich von diesem Auftritt der Eigenwilligen bannen lässt, ob man sie im Detail studiert oder lieber den Blick weit schweifen lässt, immer drängt sich eine zweite Wirklichkeit ins Bewusstsein. Von den nahen Schnellstrassen lärmt es herüber, die breiten Bahntrassen künden davon, dass hier, im Garten, die Ruhe der Natur fern und eine wachstumsversessene Gesellschaft ganz nah ist.

„Braun ist auch eine Farbe.“
Piet Oudolf

 

Der Garten ermöglicht ganz neue Blickwinkel auf Architekturen und Fabriken des Vitra Campus

Rundum gibt es Gewerbehöfe und Fabriken, hier fertigt Vitra seine Sessel, Stühle, Tische, auch ein Designkaufhaus liegt in Sichtweite, das die Architekten Herzog & de Meuron entworfen haben. Auch sonst hat Vitra für den Entwurf der Werksgebäude viele grosse Namen engagiert, Tadao Andō, Zaha Hadid, Frank Gehry oder Kazuyo Sejima, manche nennen es spöttisch den schönsten Architektenzoo Europas.

 

Was unterscheidet Oudolf’s Gärten von anderen?

Was seinen Garten unterscheidet, ist Durchlässigkeit. Die Architektenhäuser kehren stolz hervor, wie ideenreich und kühn sie sind, entschiedene Individualisten, denen ihr Gegenüber ganz gleich ist. Oudolf hingegen stiftet Nachbarschaften, er setzt auf Vielfalt in Verbundenheit, da haben die stolzen Solisten ihren Raum und ebenso die Fragilen und Unscheinbaren.

Der eigentliche Unterschied aber ist die Zweckfreiheit. Der Oudolf Garten auf dem Vitra Campus muss nichts umhüllen, nichts abdichten, er hat keine Funktion. Nur wachsen soll er und blühen. Und einen Reflexionsraum öffnen. Jedenfalls dürfen alle ihn als Einladung begreifen, sich hier selbst dem Zweckfreien hinzugeben, etwa auf einer der kleinen hügeligen Rasenflächen, die sich hineinschmiegen in Oudolfs Beete. Es sind Orte der Rundumschau und des Innehaltens.

Im Herbst zeigt sich der Garten in bunten Herbstfarben

Anders als in den Betrieben rund um seinen Vitra-Garten, in denen es um ein Wachstum geht, das auf Ausweitung und Vermehrung aus ist, denkt Oudolf in zyklischen Prozessen. Bei ihm ist das Wachsen vom Vergehen nicht zu trennen, seine liebsten Monate sind September und Oktober. Da gewinnt der Garten an Tiefe, sagt er. Da kippt alle Vitalität ins Melancholische, und Oudolf inszeniert auch das. Lässt die abgeblühten Stauden auf den Beeten, freut sich daran, wie sie sich langsam auflösen und umkippen, wie der Raureif die letzten Samenkapseln überfängt und aus dem grünen ein grauer, brauner, erstorbener Garten wird. Erst im Frühjahr wird alles abgeräumt. Dann beginnt das Drängen und Knospen aufs Neue.

So ist auch die Sehnsucht nach Ausgleich, die aus Oudolfs Gärten spricht, keine, die sich je erfüllte. Die Balance, die er sucht, will immer neu erprobt sein. Und wer wissen möchte, wie das geht, kommt nicht umhin, Oudolfs grosse Gesellschaftsmetapher in Weil immer wieder zu besuchen, weil ein Garten vom Wechselspiel lebt, von der Veränderung, davon, dass sich Kultur und Natur stets aufs Neue arrangieren. Im Garten gedeiht das Unerwartete.

 

Bienenvölker auf dem Vitra Campus

Auf dem Vitra Campus werden seit 2020 auch Bienen gehalten. Neben dem Oudolf Garten befinden sich Bienenhäuser, die mittelfristig sechs Bienenvölker beherbergen sollen. Die Bienen werden in der sog. kombinierten Wildbaumethode gehalten, die es ihnen erlaubt, im unteren Bereich des Bienenstocks Naturwabenbau zu betreiben. Zwei Vitra-Mitarbeiter, die eine Imkerausbildung haben, pflegen und betreuen die Bienenvölker. Die Bienenhäuser sind in natürlichen und ökologisch verträglichen Farben bunt gestrichen und Campus-Besucher werden gebeten, sich ihnen nur bis auf Fotodistanz zu nähern.

 

 

Von Bienen kann man viel lernen

Durch den neuen Piet Oudolf Garten beheimatet der Itra Campus nun auch Tiere. Zwei Vitra-Mitarbeiter pflegen aktuell drei Bienenvölker, die sich von den Stauden auf dem Campus ernähren, rund acht Kilo Honig im Jahr produzieren und immer wieder Anlass für Veranstaltungen und Gespräche rund um Biodiversität bieten.

Florian Braun und Florian Fenske, beide aus dem Marketing-Team des Vitra Headquarters im nahegelegenen Birsfelden, hatten bereits einen Imkerkurs absolviert, als sie von der Idee hörten, auf dem Vitra Campus Bienenvölker anzusiedeln und zu pflegen. Sie waren sofort begeistert, denn der neue Campus Garten ist eine sehr gute Umgebung für Bienen. In der Nachbarschaft des Oudolf Gartens haben sie Zugang zu den Stauden, und die Kirschbäume auf dem Campus sind tolle Futterquellen.

Drei Bienenvölker leben in den bunten Kästen am Rande des Gartens, den sie sich mit den Wildbienen der Region teilen. Die Art von Bienen die gehalten werden sind ganz klar Nutztiere. Durch ihre Bestäubungstätigkeit steigern sie den Ertrag von Streuobstwiesen und natürlich geben sie Honig.  Den beiden Imkern ist es wichtig, die Tiere wesensgerecht zu halten und wir wollen ihnen mehr Freiraum als üblich geben. Das betrifft einerseits die Art und Weise, wie sie Ihren Bienenstock ausbauen, andererseits entnehmen wir weniger Honig als klassische Imker. Generell versuchen wir, möglichst wenig einzugreifen.

Zusätzlich sind in der Region um den Vitra Campus auch viele Arten von Wildbienen zuhause. Es sei wichtig, dass die Honigbienen den Wildbienen den Lebensraum nicht streitig machen. Von Bienen kann man viel lernen und man beginnt, Pflanzen und Grünflächen aus der Perspektive der Insekten wahrzunehmen. Wilde Hecken oder Wiesen etwa, das sind unglaublich wichtige Rückzugsräume für Bienen. Und weil zum Beispiel auch das Gras ungemäht sein soll, bleibt es nun auf dem Vitra Campus im Sommer eine Zeitlang hüfthoch stehen, selbst wenn die menschlichen Besucher darauf manchmal erstaunt reagieren. Aber schliesslich sind ja auf dem Vitra Campus nicht nur Menschen unterwegs.

 

Mit Blick zum Vitra Rutschturm

Der 30,7 Meter hohe Vitra Rutschturm des deutschen Künstlers Carsten Höller ist Aussichtsturm, Rutsche und Kunstwerk zugleich. Er besteht aus drei schräg stehenden, aufeinander zulaufenden Stahlstützen, an deren Schnittpunkt eine drehbare Uhr mit einem Durchmesser von sechs Metern angebracht ist. Die Konstruktion wird durch eine zweiläufige, in die Schrägstützen eingepasste Treppe mit Zwischenpodesten vertikal erschlossen. Auf 17 Metern Höhe befindet sich eine Aussichtsplattform mit Blick auf das Campus-Gelände und das Umland. Die Plattform ist Ausgangspunkt für die 38 Meter lange Röhrenkurvenrutschbahn.

© Fotos Valeria Gunz
Ein Teil des Textes:
Autor: Hanno Rauterberg, erschienen in DIE ZEIT Nr. 26/2021, 14. Juni 2021